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Interview mit Kultusministerin Heister-Neumann

RCDS: Frau Ministerin, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben für dieses Interview. Jetzt, relativ aktuell, fand in Deutschland der sogenannte Bildungsstreik statt. Wie haben Sie die Aktion erlebt?

H-N: Ich habe festgestellt, dass das Thema Bildung wirklich im Fokus steht, und zwar auf allen Ebenen. Wenn junge Leute friedlich und zielgerichtet auf die Straße gehen, um für bessere Bildung zu demonstrieren, dann finde ich das gut. Demonstrationen gehören zu unserer Demokratie. Ich habe wahrgenommen, dass die Leute sagen: „Gute Bildung ist wichtig“, dafür wollen wir uns einsetzen.

RCDS: Es haben auch viele Schüler demonstriert. Wie war das bei Ihnen damals, gab es dort auch schon Demonstrationen als sie selber noch Schüler waren?

Ich habe das Gefühl, die Zeiten waren damals viel bewegter. Ich war als Schulsprecherin engagiert und habe auch demonstriert. Allerdings habe ich auch darauf geachtet, Aktionen außerhalb der Schulzeit zu organisieren. Das ist mir wichtig, denn wir haben eine Schulpflicht und setzen uns für die Unterrichtsversorgung ein. Wenn man es erst meint, dann kann man auch außerhalb des Unterrichts für seine Ziele auf die Straße gehen.

Haben sie den „Streik“ als effektiv empfunden?

Der Begriff „Streik“ passt einfach nicht in die Schule. Demonstrationen finde ich hingegen grundsätzlich in Ordnung. Ich habe mir die Forderungen des Landesschülerrates angesehen: Es werden mehr Lehrer, kleinere Klassen, mehr Investitionen in Bildung und mehr Ganztagsangebote gefordert. Was haben wir geschaffen? Wir haben mehr Lehrerstellen geschaffen, mit 85.000 Lehrern haben wir mehr als je zuvor. Zu Beginn unserer Regierungszeit gab es 155 Ganztagsschulen, nun sind wir bei rund 880. Kleinere Klassen halte ich prinzipiell auch für ein vernünftiges Ziel. Aufgrund der klaren Aussage der Landesregierung, trotz zurückgehender Schülerzahlen die Lehrerstellen im Bildungssystem zu lassen, werden wir in dieser Hinsicht schon ab 2011 auf einem guten Weg sein.

 

 

Die finanziellen Belastungen der Studierenden durch die normalen Unterhaltskosten, die jeder tragen muss, wie Studiengebühren, sind relativ hoch und könnten Abiturienten vom Studieren abhalten. Glauben Sie, dass diese Belastungen von den Studierenden unterschätzt werden, auch in Hinblick auf die Möglichkeiten, die das Studium bietet?

Es gibt Möglichkeiten, um mit diesen Kosten umzugehen: die entsprechenden Darlehen, Stipendienprogramme, Bafög. Die Studienbeiträge sind ja nicht dazu da, um irgendwelche Haushaltslöcher zu stopfen, sondern sind so angelegt, dass sie unmittelbar den Studenten zugute kommen. Das muss vor Ort dokumentiert werden, und das muss vor Ort auch thematisiert werden. Man muss Gespräche führen, wie sich die Belastungen reduzieren lassen, aber Bildung ist auch etwas wert.

Im Zuge des Bolognaprozesses sollte die Abbrecherquote gesenkt werden. Welche Maßnahmen wurden diesbezüglich in den Schulen getroffen?

Als Kultusministerin ist es meine Überzeugung, dass wir eine starke Vorbereitung auf das Studium in den Schulen leisten müssen. Ich denke, es ist hilfreich, zu wissen, welche beruflichen Wege ein Studium eröffnet. Hierzu gibt es ganz viele Beratungsangebote, die ich auch durch meine beiden Töchter persönlich kennen gelernt habe. Es gibt Informationstage an den Hochschulen. Es gibt Schnupperkurse, bei denen man in Lehrveranstaltungen hineingehen kann. Man bekommt einen Eindruck, aber letztendlich glaube ich, reicht das allein nicht aus. Die Studienorientierung war auch ein Schwerpunkt bei einem runden Tisch zum doppelten Abiturjahrgang gemeinsam mit dem Ministerium für Wissenschaft und Kultur, der Bundesagentur für Arbeit, mit der Industrie- und Handelskammer, den Handwerkskammern, den Lehrerverbänden, dem Landeselternrat und Landesschülerrat. Dort haben wir festgehalten, dass es hilfreich wäre, wenn mehr Praktiker an die Schulen kämen, um dort über ihre Tätigkeiten zu berichten. Ich war auch froh, dass Sie vom RCDS sich bereit erklärt haben, sich an den Universitäten umzuhören, wie es zu Studienabbrüchen gekommen ist. Denn von Student zu Student antwortet man doch anders als bei einer offiziellen Umfrage. Für uns ist es ganz wichtig, aus dem Alltag ein Feedback zu erhalten, das wir dann für unsere Konzepte zur Studienvorbereitung mit berücksichtigen können.

Wir haben noch eine persönliche Frage: Würden Sie heute wieder studieren und was hat Sie zum Studium bewegt?

Ich würde auf jeden Fall wieder studieren. Ich würde auch das Jura-Studium wieder wählen. Mir hat das sehr viel Freude gemacht. Am Anfang weniger, aber dann zunehmend mehr. Weshalb ich studiert habe und weshalb ich dieses Studienfach gewählt habe, diese Entscheidung hatte allerdings mit praktischen Erfahrungen nicht so viel zu tun. Die Gründe für das Jura-Studium lagen eher in meiner Tätigkeit als Schülervertreterin und meinem Gerechtigkeitsempfinden. In dem Studium lernt man stringentes Denken, aber auch, dass Recht nicht immer etwas mit Gerechtigkeit zu tun hat.

Gibt es dann noch abschließend etwas, was Sie den Studierenden mit auf den Weg geben wollen?

Das Wichtigste überhaupt ist, dass man den Weg geht, den man gehen möchte. Also nicht nur zu fragen, was für die Zukunft der erfolgversprechendste Weg ist. Meine Einschätzung zum Fach Physik beispielsweise: Physik ist etwas ganz Tolles, ein naturwissenschaftliches Fach, wunderbar. Physiker werden gesucht, sie werden gebraucht. Aber wenn man das Studium nicht mit Leidenschaft macht, dann wird man auch kein guter Physiker, weder als Lehrer noch in anderen Bereichen. Dann nützt Ihnen das nichts. Achten Sie darauf, dass Ihnen das Studium wichtig ist und erinnern Sie sich, dass es eine Herausforderung ist, Leistungen zu erbringen und Anforderungen zu erfüllen. So mal eben lustig durch das Studium hüpfen, das klappt nicht. Das muss man vorher wissen.

Frau Ministerin, wir bedanken uns ganz herzlich bei Ihnen, dass Sie sich die Zeit für uns genommen haben.

 
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